Toskana I – Tuscany I

Pitigliano. Eine Stadt auf Felsen erbaut. Schmale Gassen, Treppen, umarmt von Häusern aus altem Gestein, Gesteinsmassive, aber freundlich sehen sie aus, mit Blumentöpfen in den Fenstern, auf den Balkonen, vor der Haustür, Blumen in allen Farben und Wäschestücke in allen Farben, auf den Leinen, die über den Gassen gespannt sind. Man kann selbst die Müllfrau bei der Arbeit singen hören.
Pitigliano, Via della Rivolta. Tag für Tag versammeln sich die betagten Damen dort, jede hat einen Stuhl nach draußen getragen, so sitzen sie, beobachten die vorbeikommenden Menschen, eine Häkelarbeit in der Hand, sie häkeln sich immer neuen Gesprächsstoff, Gesprächsstoff für einen Tag, nur zum Essen gehen sie hinein. Und um die Ecke die einzelne Dame, stets eine Zeitung in der Hand und einen Stift, sie löst die Kreuzworträtsel, wechselt nur ab und zu ein paar Worte mit den Menschen, die sie auf der Straße grüßen, wechselt nur ab und zu die Straßenseite, wenn die Sonne die Himmelsrichtung gewechselt hat.
Und die Gassen enden an Mauern, hinter denen es in die Tiefe geht, so tief, dass es einen schwindelt, wenn man hinunterschaut. Tuffsteinstadt, eine Stadt auf Fels, aber wenn man sie verlässt, dann findet man die Hohlwege, die die Etrusker damals anlegten, damit ihre Toten einander besuchen konnten, Wege, die metertief ins Gestein gehauen sind, sodass man sich wundert, kein Echo der eigenen Schritte zu hören, und manchmal führen die Gänge in das Gestein hinein, vielleicht waren hier früher die Särge, und manche Gänge sind verbarrikadiert und manchmal klingen getragene Kirchengesänge aus ihnen heraus. Ein Ort der Toten, aber ein Ort, der lebt, man hört die Geschichten zwischen den Felsen.

Pitigliano. A town built on rocks. Narrow alleyways, stairways, embraced by houses of old rocks, massifs, but they look friendly, with flowerpots in the windows, on the balconies, at the front doors, flowers in every colour and laundry in every colour, on the clothes line, clamped above the alleys. You can even hear the refuse collector singing during work.
Pitigliano, Via della Rivolta. Day after day the aged ladies meet there, every single one of them has carried a chair to the street, there they sit, watching the passing people, pieces of crochets in their hands, they crochet new topics of conversation, things to talk about for a whole day, they only go inside to have a meal. And around the corner there is the single lady, the newspaper in her hands and a pen, solving crossword puzzles, only from time to time she exchanges words with the people who greet her on the street, only from time to time she changes the streetside when the sun has changed to another corner of the earth.
And the alleys end at walls behind which there is a precipice, so deep that it makes you feel dizzy when you look down. Tuff town, town on rocks, and outside of the town there are the defiles which the Etruscans carved for their deads to visit each other, defiles, burried metres deep in the rocks, so that you start wondering why you don’t hear the echo of your own steps, and sometimes the passageways lead to caves, maybe there were the coffins back in time, and sometimes the passageways are barricaded and sometimes you can hear plangent chants from underground. It is a place of the dead, but a place that lives, you can hear the stories the rocks tell.

Paris II

Die Metro, ein Meer von Menschenkörpern, schwankend, schaukelnd mit den Gezeiten der Stationen. Ein Ruck, die Körper neigen sich erschreckend weit in die Diagonale, bevor die Metro hält und sie sich langsam wieder in die Senkrechte einpendeln.
Dann fließen sie hinaus, und wir fließen hinein, eine Welle von rücksichtslosen Ellenbogen und unaufhaltsamen Füßen. Körper an Körper, zu eng, zu nah, Algenarme in der Strömung der Fahrt. Aber zwischen all diesen Körpern bist du, ich spüre deine Wärme und habe etwas, woran ich mich festhalten kann, um nicht in diesem Meer unterzugehen.

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The Metro, an ocean of bodies, rocking, swinging with the tides of the stations. A pull, the bodies tilt alarmingly into the diagonal. Then the Metro stops and they slowly commute in the perpendicular again.
Then they flow out of the car, and we flow into the car, a wave of inconsiderate elbows and unstoppable feet. Body next to body, too close, too narrow, seaweed arms in the current of the ride. But between all these bodies there is you, I can feel your warmth and I have something to hold on to, so that I don‘t drown in this ocean.

Dieselben Gesichter hinter den Steuern – The Same Faces Behind The Wheels

Manchmal sitze ich da und möchte einfach nur weinen.
Nicht, weil ich das Schlimmste vom Schlimmsten erlebt habe.
Nicht, weil ich keinen Ausweg mehr sehe.
Ich möchte einfach nur weinen, um den Stau in Bewegung zu setzen.
Ich sitze nicht am Rand der Autobahn, um stundenlang
dieselben Autos zu sehen,
dieselben eintönigen Gesichter hinter den Steuern.
Die Liebe, der ich so unerwartet begegnet bin.
Das Unverständnis, weil Herz und Kopf nicht einer Meinung sind.
Die Wut, weil der Liebe Unrecht angetan wird.
Die Stille, die auf
die Frage antwortet, was um Himmels Willen ich tun kann, um
die Angst vor
dem Unbekannten zu bekämpfen.
Die Zweifel, weil
das Vertrauen, das mir
die Hoffnung erhält, so unbegründet ist.
Die Verwirrung.
Ich möchte weinen,
weil man auf einem Fluss manchmal schneller vorankommt
als auf einer Straße.

Sometimes I sit there and all I want is to cry.
Not because I lived the worst of the worst.
Not because I don’t see an exit anymore.
I want to cry to set the stagnation in motion.
I do not sit at the edge of the highway to see
the same cars for hours,
the same monotonous faces behind the wheels.
The love I met so unexpectedly.
The lack of understanding because heart and head do not concur.
The anger because the love is done injustice.
The silence that answers to
the question what for goodness‘ sake I can do to fight
the fear of
the unknown.
The doubts because
the trust that obtains
the hope is so unfounded.
The confusion.
I want to cry
because sometimes we can move faster on a river
than on a street.

Zersplittertes Glas – Shattered Glass

Und dann klebten sie zwei Pflaster auf mein Herz, zwei Pflaster über Kreuz, wie bei einem Teddybären, der ein Loch hat, damit die Füllung nicht herauskommt, und sie dachten, es würde wieder heilen. Sie malten mir ein Lächeln auf das Gesicht, damit niemand die Glasscherben sah, und sie dachten, ich würde meinem Spiegelbild glauben. Sie vergaßen, mir in die Augen zu schauen.
Ich wurde zu einem Geist, der lachende Lippen betrachtet ohne zu hören, der in den Himmel schaut ohne zu sehen, der auf die Knie fällt und weitergeht ohne zu spüren.
Und ihre Lippen lachten und redeten, ihre Körper umarmten mich, aber ihre Augen suchten nicht meinen Blick. Sie griffen einfach durch die Glasvitrine, in der ich lebte, hindurch, zersplittertes Glas, und niemand räumte die Scherben weg. Und niemand erneuerte die Pflaster, die nicht ausreichten, um das Blut der Wunde zu stillen.
Und dann war ich auch kein Geist mehr. Dann verschwand ich und fand mich nicht wieder.

And then they stuck two plasters on my heart, two plasters crosswise, as if I was a teddy with a hole whose stuffing has to be stopped to come out, and they thought it would heal. They painted a smile on my face, so that no one could see the shards of glass, and they thought I would start to believe my mirror image. They forgot to look into my eyes.
I became a ghost who observes laughing lips without hearing, who looks into the sky without seeing, who falls on the knees and walks on without feeling anything.
And their lips laughed and talked, their bodies embraced me, but their eyes didn’t meet mine. They simply reached through the glass case in which I lived, shattered glass, and no one cleared away the shards. And no one changed the plasters that weren’t sufficient to staunch the flow of the blood.
And then I was also no ghost anymore. Then I disappeared and didn’t find me again.

Selbstporträt I – Self-portrait I

Mein kleiner Fisch, was tust du da? Versuchst du wieder zu entgleiten? Kleiner Fisch, sei nicht so feige. Deine Schuppen glitzern in der Sonne.
“Was siehst du in mir?”, fragte das Mädchen.
Du bist ein Schmetterling. Du bist die Raupe, die angekrochen kommt, wehrlos, mit der jeder machen kann, was er möchte. Du bist die Puppe, die friedlich im Kokon schläft, beschützt, abgeschirmt von der Welt. Aber deine wirkliche Schönheit liegt in der Freiheit, wenn du fliegen kannst und nichts dich am Boden hält, wenn du deine Flügel aufklappst und andere sehen lässt. Sagte der stumme Fisch.
Und der Rabe in den Augen des Mädchens plusterte das Gefieder.
Kleiner Fisch, du bist so schnell wie ein Pfeil. Zeige deine Flossen, schwinge sie wie Fächer, spürst du die sanfte Vibration im Wasser?
Du bist ein Schmetterling, der es liebt, Honig zu trinken. Aber fragil bist du, der Wind ist zu stark für dich. Wenn du einmal in seine Fänge gerätst, wirst du zerrissen und kannst nicht mehr leuchten.
Der Rabe in den Augen des Mädchens krächzte.
“Aber wie kann ich mich vor den Gefahren in dieser Welt schützen?”, fragte das Mädchen.
Der Fisch schwamm davon.

My little fish, what are you doing? Are you trying to slip away? Little fish don’t be so craven. Your scales make the sunbeams glitter.
“What do you see in me?” the girl asked.
You are a butterfly. You are the caterpillar that creeps around, defenceless, and everybody can do with you whatever they want. You are the chrysalis sleeping in your cocoon, sheltered and shielded from the world. But your real beauty is the freedom, when you can fly and nothing holds you back, when you unfold your wings and let others see. The mute fish said.
And the raven in the eyes of the girl puffed up his plumage.
Little fish, you are as fast as an arrow. Show your fins, swing them like a fan; do you feel the soft vibration of the water?
You are a butterfly who likes to drink honey. But you are fragile; the wind is too powerful for you. When you get caught in his clutches you can’t shine anymore.
The raven in the eyes of the girl cawed.
“But how can I be protected from the dangers in this world?” the girl asked.
The fish swam away.

Paris I

Rue Bervic 6, nach Mitternacht, Dunkelheit, aber die Stadt ist wach. Motorengebrumm, von fern, dann näher, dann verstummt es. Das rhythmische Rattern von Rädern auf Gleisen, Halt, bevor die Fahrt weitergeht. Motorengebrumm, ein Windhauch, verstummt. Gelächter, Klirren von Glas, das gegen Stein schlägt, betrunkene Stimmen, überschwänglich, zu laut, Gelächter, hohl. Näher, dann verstummt es, Motorengebrumm. Erst die Stille macht die Geräusche hörbar.
Und dein Atmen neben mir. Langes Einatmen, kurzes, heftiges Ausatmen. Langes Einatmen, kurzes, heftiges Ausatmen. Das Rascheln der Decke, wenn du dich bewegst. Rhythmisches Rattern von Rädern auf Gleisen von draußen. Du neben mir. Es ist, als würde der Eiffelturm vor unserem Fenster stehen, es ist, als würden wir dort stehen, langes, rotes Kleid, schwarzer Anzug, Weinglas in der Hand, küssend, Lachen wie Perlen… Ich höre dein Atmen. Du neben mir. Motorengebrumm. Gelächter. Motorengebrumm. Stille. Und mein Lächeln bewacht deinen Schlaf.

Rue Bervic 6, past midnight, darkness, but the city is awake. Car engines humming from afar, then closer, then ceased. The rhythmic rattle of wheels on tracks, stop, before the train travels on.  Car engines humming, a breath of wind, ceased. Laughter, clanging of glass banging on stone, drunken voices, exuberant, too loud, laughter, hollow. Closer, then ceased, car engines humming. Only the silence makes the noises audible.
And your breath next to me. Long inhalation, short, intense exhalation. Long inhalation, short, intense exhalation. The swish of the blanket when you move. Rhythmic rattle of wheels on tracks from the outside. You next to me. It is as if the Eiffel tower stood in front of our window, it is as if we stood there, long, red dress, black suit, wine glasses in our hands, kissing, pearl-like laughter… I hear your breath. You next to me. Car engines humming. Laughter. Car engines humming. Silence. And my smile protects your dreams.